Dieser Beitrag ist Teil der Blogparade „Das kann ich richtig gut – und hab’s lange nicht gewusst“ von Anja Dix. Die Frage, die sie stellt dreht sich um die eigene Stärke und klingt einfach: Was kannst du richtig gut – und hast es lange nicht gewusst?
Meine Antwort? Technikverständnis.
Ja, ausgerechnet. Ich, die Coachin und Mentorin mit Informatikstudium, schreibe hier über schnelles Technikverständnis als lange verborgene, unerkannte Stärke. Und genau darin liegt die Pointe. Denn die eigene Stärke erkennen heißt oft, genau dort hinzuschauen, wo wir gar nichts Besonderes vermuten, weil es sich für uns so selbstverständlich anfühlt, dass wir es schlicht übersehen.
In diesem Artikel nehme ich dich mit durch meine persönliche Geschichte. Von den ersten Momenten am Computer als Kind, über eine Ausbildung, ein Studium und eine Karriere im Qualitätsmanagement bis hin zu der Erkenntnis, die mich heute anders arbeiten lässt. Weil ich glaube, dass in dieser Geschichte etwas steckt, das viele kennen und zu wenige ernst nehmen.
Kurzversion: Mein Technikverständnis war über 30 Jahre lang einfach da – ohne dass ich es als eigene Stärke erkannt hätte. Ich habe mir Programmiersprachen selbst beigebracht, meiner Chefin Excel erklärt und Software schneller verstanden als ihre Entwickler es erwartet hätten. Für mich war das normal. Erst spät habe ich begriffen: Was sich selbstverständlich anfühlt, ist oft genau das, was uns besonders macht.
Das Mädchen am Computer des Bruders
Schon als Kind habe ich mir Computer-Befehle gemerkt, die ich einmal gesehen hatte – in einer Zeit, in der die meisten Erwachsenen keinen blassen Schimmer von PCs hatten. Mein Bruder hatte einen Computer. Das war eine Zeit, in der PCs noch etwas wirklich Besonderes waren – etwas, das nicht einfach in jedem Haushalt stand. Es gab Disketten, keine Maus, keine bunten Oberflächen. Nur einen Bildschirm, eine Tastatur und Befehle, die man eintippen musste, damit überhaupt etwas passierte.
Und ich saß manchmal davor.
Mir hatte niemand im Detail erklärt, wie das alles funktioniert. Ich hatte mir einfach die Befehle gemerkt, die ich gesehen hatte. Einmal beobachtet, einmal abgespeichert und dann konnte ich das Mickey-Maus-Spiel starten. Für mich war das nichts Großes. Ich war ein Kind, ich wollte spielen, und der Computer war eben da.
Rückblickend war das der erste Moment, in dem sich etwas gezeigt hat, das mich mein ganzes Berufsleben lang begleiten sollte. Aber damals? Da war es einfach nur ein Spiel.

Der Chefin Excel erklären – und es für normal gehalten
In meiner Ausbildung zur Bürokauffrau habe ich meiner Chefin erklärt, wie bestimmte Dinge in Excel funktionieren – und fand nichts dabei. Microsoft Office ist mir nicht nur leichtgefallen. Ich habe Funktionen nicht nur angewendet, sondern verstanden. Wirklich verstanden. Und irgendwann saß ich da, die Auszubildende, und erklärte meiner Chefin Sachen, die sie so nicht kannte.
Habe ich damals gedacht: „Wow, ich bin richtig gut darin“? Nein. Für mich war das einfach logisch. Ich konnte es halt. Fertig.
Direkt danach, an der Berufsoberschule, das gleiche Bild. Im technischen BWL-Unterricht haben wir mit Access gearbeitet und verschiedene Verwaltungstools gebaut. Ich war so schnell fertig, dass ich anderen noch erklärte, wie es funktioniert, und ihnen half. Dasselbe Muster wie schon bei Excel: schnell verstehen, umsetzen und anderen erklären. Und wieder kein Gedanke daran, dass das etwas Besonderes sein könnte.
Zwei Stationen, dasselbe Bild. Aber meine eigene Stärke erkennen? Davon war ich noch weit entfernt.
Ein Browserspiel, PHP und die Frage „Warum nicht?“
Vor meinem Informatikstudium habe ich mir PHP selbst beigebracht – nicht in einem Kurs, nicht in einem strukturierten Programm, sondern indem ich ein Online-Browserspiel betrieben und weiterentwickelt habe.
Ich habe mich eingelesen. Mir angeschaut, was andere gemacht haben. Ausprobiert, angepasst, weitergebaut. Learning by Doing im wahrsten Sinne. Und ja, als ich dann ins Studium kam, hatte ich mir eine Programmiersprache im Grunde bereits selbst beigebracht.
Klingt beeindruckend? Für mich fühlte es sich damals einfach nach dem logischen nächsten Schritt an. Ich wollte verstehen, wie das Spiel funktioniert, und ich wollte es nach meinen Vorstellungen anpassen, also habe ich es gelernt. Nicht mehr und nicht weniger.
Was mir damals nicht bewusst war: Nicht jeder geht so an Technik heran. Nicht jeder liest sich ein und macht es einfach. Für viele Menschen ist allein der Gedanke, sich eine Programmiersprache selbst beizubringen, so weit entfernt wie ein Marathonlauf für jemanden, der noch nie Joggen war. Aber ich hatte keinen Vergleichspunkt. Ich kannte nur mein Tempo und meine Herangehensweise. Und das hielt ich für normal.
„Du brauchst eigentlich gar keine Schulung“
Das Feedback, das zum ersten Mal wirklich hängengeblieben ist, kam von der Lieferantenfirma einer QM-Software: „Du brauchst eigentlich gar keine Schulung. Du bringst sich die Dinge ja eh so schnell selbst bei.“ In meiner Zeit als Qualitätsmanagerin hatten wir diese Software im Einsatz, und ja, es gab eine Schulung dafür. Und ich habe sie auch mitgemacht. Aber ganz ehrlich? Vieles habe ich mir auch hier wieder selbst beigebracht. Ich habe mich reingedacht, ausprobiert, Zusammenhänge erkannt.
Und dann kam dieser Satz – von Fachleuten, die das System besser kannten als ich. Kein beiläufiges Lob von Kollegen, kein nettes Kompliment im Vorbeigehen.
Ganz ehrlich? Feedback gab es vorher auch. Immer wieder. „Blitzgescheit“ wurde ich genannt. Dass ich Dinge schnell verstehe, haben andere früher bemerkt als ich. Aber es hat sich nicht immer so angefühlt. Im Studium gab es auch Momente, in denen ich mich schwertat. Noten, die nicht großartig waren. Dinge, die ich verbockt habe. Und genau diese Momente hatten in meinem Kopf oft mehr Gewicht als alles, was gut lief.
Ich glaube, genau das macht es so schwer, die eigene Stärke zu erkennen: Wir messen uns an dem, was nicht perfekt läuft und übersehen dabei, was uns mühelos gelingt.
Was ich heute anders verstehe
Mein Technikverständnis ist heute eine doppelte Stärke: Ich verstehe Technik nicht nur – ich kann sie übersetzen. Ohne Nerd-Vokabular, ohne Überheblichkeit. So, dass es ankommt. So, dass Menschen sagen: „Bei dir habe ich es endlich verstanden.“
Hat sich mein Selbstvertrauen verändert, als mir das bewusst wurde? Ehrlich gesagt: nein. Selbstvertrauen hatte ich vorher auch. Ich bin niemand, der mit seinen Fähigkeiten hausieren geht. Ich kann es halt und mach es. Fertig.
Was sich verändert hat, ist etwas anderes. Etwas, das in meiner Arbeit heute einen echten Unterschied macht: Ich verstehe, warum andere länger brauchen. Warum Technik für viele Menschen eine Hürde ist und kein Spielfeld. Warum Erklärungen, die für mich selbstverständlich klingen, für andere wie eine Fremdsprache wirken.
In meiner Arbeit als Coachin und Mentorin fließt das in alles ein. Ich baue meine eigene technische Basis komplett selbst – auf einem sehr fortgeschrittenen Level, mit Automatisierungen und Systemen, die mein Business tragen. Und wenn meine Kundinnen vor technischen Fragen stehen, erkläre ich es ihnen so, dass es zugänglich wird. Klartext statt IT-Jargon. So, dass es im Alltag wirklich hilft.
Und ja, ich höre immer wieder, dass genau diese Kombination etwas Besonderes ist: IT und Technik, Business und unternehmerisches Denken, Coaching und Menschenverständnis, Qualitätsmanagement und Prozesse. Meine Stärke liegt dabei weniger darin, Spezialistin für eines dieser Felder zu sein. Sie liegt darin, die Architektin für das Gesamtbild zu sein – Zusammenhänge zu erkennen, Disziplinen zu verbinden und es dann so zu erklären, dass es wirklich ankommt. Das höre ich von Kolleginnen, von Kundinnen, von Menschen, die meine Arbeit kennenlernen.
Was das mit Positionierung zu tun hat
Was wir für selbstverständlich halten, ist oft genau das, was uns besonders macht – und ein entscheidender Baustein der eigenen Positionierung. Denn Positionierung heißt nicht, etwas zu erfinden, was es nicht gibt. Es heißt, das sichtbar zu machen, was bereits da ist. Und oft ist das Besondere genau dort versteckt, wo wir es am wenigsten vermuten: in dem, was wir für normal halten.
Was mir mit meinem Technikverständnis passiert ist, beobachte ich bei vielen Frauen, mit denen ich arbeite. Sie haben eine Stärke. Etwas, das ihnen leichtfällt, das sie seit Jahren mitbringen, das andere an ihnen schätzen. Aber sie selbst? Sie halten es für selbstverständlich. Für nichts Besonderes. Für etwas, das doch jeder kann. Und genau das wird dann zum blinden Fleck.
Mein Technikverständnis macht mich nicht zur Technikerin. Ich positioniere mich nicht darüber. Aber es ist ein entscheidender Baustein dessen, was meine Arbeit ausmacht – diese Verbindung aus Struktur, Technik und Menschenverständnis. Ohne diese eigene Stärke erkannt zu haben, hätte ich meine Positionierung nicht so klar schärfen können, wie ich es heute getan habe.
Was Positionierung ist und auch was sie nicht ist, habe ich ausführlich in diesem Artikel erklärt.

Was ich dir mitgeben möchte
Achte auch auf das, was dir leichtfällt. Gerade auf die Dinge, die sich so selbstverständlich anfühlen, dass du sie gar nicht für eine echte Fähigkeit hältst. Auf die Momente, in denen du dich wunderst, warum andere dafür so lange brauchen.
Denn genau dort, in dieser Selbstverständlichkeit, liegt oft eine Stärke, die du noch gar nicht als solche erkannt hast.
Hör hin, wenn Menschen dir Feedback geben. Wenn jemand sagt „Das machst du wirklich gut“ oder „Bei dir habe ich es endlich verstanden“ – dann nimm das nicht als Höflichkeit. Nimm es ernst. Es könnte der Hinweis auf etwas sein, das dich besonders macht.
Und wenn du merkst, dass du eine Fähigkeit immer wieder kleinredest, weil sie sich für dich nicht nach einer „echten“ Stärke anfühlt, dann ist das vielleicht genau das Zeichen, genauer hinzuschauen.
Die eigenen Stärken erkennen ist kein einmaliger Moment. Es ist ein Prozess. Einer, der manchmal Jahre braucht. Bei mir war es so. Und vielleicht erkennst du in meiner Geschichte etwas, das dich an deine eigene erinnert.
Fazit
Mein Technikverständnis war eine meiner verborgenen Stärken – lange einfach da, ohne dass ich es als etwas Besonderes erkannt hätte. Es war normal. Selbstverständlich. Nichts, worüber man spricht.
Heute weiß ich: Es war nicht die einzige Stärke, die ich jahrelang übersehen habe. Aber es war die, die mir am deutlichsten gezeigt hat, wie das funktioniert: Wir tragen etwas mit uns, das die ganze Zeit sichtbar ist – und sehen es selbst zuletzt, obwohl andere es längst bemerkt hatten.
Dieser Prozess, die eigene Stärke zu erkennen, die man für selbstverständlich hält, ist kein Luxusproblem. Es ist ein entscheidender Schritt, um zu verstehen, was dich wirklich ausmacht. Im Business, in deiner Positionierung und in der Art, wie du mit anderen arbeitest.
Was für dich völlig normal ist, kann für andere genau das sein, was sie suchen. Die Frage ist nur, ob du bereit bist, es zu sehen.


